Altreifen im Altenberg – die Natur bewahren!

Montag, 31. Juli 2017, 7:59 Uhr, Frau Schnitzer schreibt:

„Herr Urlaub hat die Reifen inzwischen entfernt. Da er sie erst 2011 erworben hatte, war er der Ansicht, sie ohne Bedenken hier einsetzen zu können.“

wie immer … hier das Schreiben:

Reifen-als-Sandplatzeinfassung

In der Hoffnung dass Herr Urlaub versteht, dass es nicht nur um den PAK und HA-Öl Gehalt der Reifen geht, sondern auch um die gesamte, erhaltenswerte Kulturlandschaft Altenberg.

Altreifen im Altenberg – ab 2010 ist alles ok

Frau Schnitzler antwortet hier also wie immer schnell und präzise:

„Ihre Sorgen bzgl. der PAK und HA-Ölen sind nicht unberechtigt. Der Gesetzgeber hat hier reagiert. So regelt die REACH-Verordnung (http://www.reach-info.de/verordnungstext.htm) im Anhang 17 unter Ziff. 50 die neuen Grenzwerte für Weichmacheröle in Reifen und auch in Kinderspielzeugen ab 01.01.2010.
Herr Urlaub hat mir versichert, dass es sich bei den hier verwendeten Schlepperreifen um Modelle handelt, die nach dem 01.01.2010 hergestellt wurden. Herr Urlaub war lange Zeit Sicherheitsbeauftragter der Stadt Würzburg. Wir haben ausführlich über die Frage der Eignung dieser Reifen für eine Verwertung als Sandkasteneinfassung gesprochen.
Herr Urlaub ist gerne dazu bereit, mit Ihnen persönlich über Ihre Bedenken und Ihre gemeinsame Sorge um die Natur um Ihre schöne Wohnortgemeinde zu sprechen. Aus Ihrem Brief und meinen Telefonaten mit Herrn uvw habe ich den Eindruck, dass Sie beide sich im Grunde für dieselben Ziele einsetzen und es diesen Anliegen sicher gut tun würde, wenn Sie beide ins Gespräch kommen würden. Falls Sie Interesse haben, gehen sie bitte auf Herrn Urlaub zu.“

Wie immer, auch hier, die E-Mail im Original:

Reifen-als-Sandplatzeinfassung-1

Leider bin ich ein von Grund auf misstrauischer Zeitgenosse. Seit etwa dem Jahr 2000, werden alle Reifen mit einer 4-stelligen DOT Nummer (externer Link) versehen, aus der man das genaue Herstellungsdatum eines Reifens ablesen kann. Auf meine Anfrage beim Reifenhersteller „Fulda“ (Goodyear Dunlop Gruppe) erhielt ich in ebenfalls atemberaubender Zeit (Freitag Nachmittag!!!) die folgende Antwort:

„die Reifen sind in der Kalenderwoche 23 im Jahre 1996 hergestellt worden.“

Wer’s nicht glaubt: hier ist der Beweis:

EXT-EMail-aus-Fulda-KontaktBereich-Reifenrecherche

Diesen Sachverhalt habe ich Frau Schnitzler dann umgehend mitgeteilt, aber irgendwann ist dann auch mal Wochenende.

„ich war zwar kein Sicherheitsbeau4ragter, habe mich aber beruflich schon öfter mit dem Thema Compliance beschäfigt.
Die Firma Fulda Reifen hat mir glaubhaft versichert, dass die beiden Reifen in der 23. Kalenderwoche 1996 hergestellt wurden. Siehe Herstellerbestätigung in der Anlage.
Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie Ihre Beurteilung anhand aufgrund dieser neuen Informationon nun noch einmal überprüfen würden.“

Und dann, geht es am Montag weiter …

Altreifen im Altenberg – PAK & HA Öle

Nachdem ich erst einmal einen Moment sprachlos war, musste ich neidvoll anerkennen, dass Frau Schnitzer vom (externer Link) FB 53 des Landratsamtes, hier mit ihrer doch reichlich wörtlichen Interpretation des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, formal im Recht war. Der FB53 ist halt nicht die Untere Naturschutzbehörde.

Spinnt man den Gedanken konsequent zu Ende, dann kann jeder seine alten Pneus in seinen Vorgarten schmeißen, ein Häufchen Sand dazu und das ganze als Spielplatz deklariert und schon spart man sich die lästige fahrt zum Wertstoffhof (externer Link) und schnell hat man ein paar nette Euro gespart.

Es geht hier nicht alleine um die grenzwertige Entsorgung von Altreifen eine landwirtschaftlichen Betriebes. Ein Dorf wie Theilheim, sollte sich gerade besonders auf seine Alleinstellungsmerkmale besinnen. Eines der wenigen ist die solitäre Weinbergslage Altenberg.

Dass nun ausgerechnet der geplante Mainfränkische Kulturweg an einer „Altreifendeponie“ vorbeiführen soll, ist wohl eher als Geschmacklosigkeit zu bezeichnen.

Glücklicherweise hatte ich mich vor geraumer Zeit schon mit dem Thema Altreifen beschäftigt. Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV), warnt in einer Stellungnahme zur Nutzung von Autoreifen und -schläuchen als Spielgeräte in Kindergärten.

Insbesondere bezieht sich das Institut bei seiner Stellungnahme – externer Link – auch auf die Aussage des Reifenherstellers Continental. Dieser erklärt, dass er „Autoreifen und -schläuche für die Verwendung als Spielgeräte nicht geeignet halte.“

Gerade die bei der Reifenherstellung polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) und hocharomatische Öle (HA-Öle), die bei der Herstellung von Reifen verwendet werden, stehen im besonderen Verdacht Erbgutveränderungen und Krebs auszulösen. Diese fallen daher unter das derzeitige, strenge europäische Gefahrgutrecht.

Wen es interessiert, hier das gesamte Schreiben im Original:

LRA-UA-FB53-wegen-Altreifenablagerung

Ein Kompliment muss ich Frau Schnitzer allerdings machen, für eine Behördenmitarbeiterin ist sie wirklich verdammt schnell. Keine zwei Stunden später und das auch noch am Freitag Nachmittag, liegt ihre wie immer freundliche, fachlich korrekte und ausführliche Antwort in meinem Postfach.

Bildnachweis Beitragsbild:
free license von www.archives.gov
National Archives Identifier (NAID) 542531 – BURNING_OF_TIRE_DUMP_CREATES_SMOKE_HAZARD_-NARA-_542531

Altreifen im Altenberg

Während eine Rundgangs durch den Altenberg am 21. Juli 2017, bin ich am mittleren Weinbergsweg auf zwei abgelegte, alte Traktorreifen gestoßen. Nachdem es sich bei der Weinbergslage Altenberg nicht um eine Filiale der kommunalen Entsorgungsbetriebe handelt, habe ich den mutmaßlichen Verursacher angeschrieben.

„Sehr geehrter Herr Urlaub,
während eines Kontrollganges im Laufe der letzten Woche ist mir aufgefallen, dass auf Ihrem Grundstück 5306, in der Weinbergslage Altenberg (Neuer Berg, mittlerer Weinbergsweg), zwei alte Traktorreifen abgelagert wurden.

Unabhängig davon, dass es sich für einen landwirtschaftlicher Betrieb, der seine Eigenwerbung mit „Natur erleben“ und „naturnahen Weinan- und –ausbau“ umschreibt, eigentlich selbstverständlich sein sollte, solche Maßnahmen zu unterlassen, wird hier gegen verschiedenste Abfall- und Umweltschutzgesetze verstoßen ( z.B. § 326 StGB, KrWG, BNatSchG et al. / ff).

Ich denke, es sollte Ihnen möglich sein, die Reifen bis zum 01. August 2017 zu entfernen und einer geordneten Entsorgung zuzuführen.

Besten Dank im Voraus für Ihre Bemühungen!“

Hier der Brief im Original:

2017.07-Weinbau-Urlaub-wegen-Altreifenablagerung

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Morgen erhielt ich E-Mail, aber merkwürdigerweise nicht vom mutmaßlichen Verursacher, sondern vom Amt für Immissionsschutz und Abfallrecht (FB 53) am Landratsamt Würzburg (externer Link).

Ich hatte die Behörde eigentlich nur mehr oder weniger beiläufig, im Rahmen einer anderen, äußerst fragwürdigen Bauschuttablagerung, ebenfalls am Altenberg, angeschrieben.

„die Altreifen werden lt. Auskunft von Herrn Urlaub als Sandkästen genutzt. Hierbei handelt es sich abfallrechtlich um eine Verwertungsmaßnahme, die zum Ende der Abfalleigenschaft dieser Reifen führt (s. § 5 Abs. 1 KrWG). Wie Sie z. B. auch Anzeigen und Tipps im Internet entnehmen können oder Ihnen evtl. aus eigener Anschauung bekannt ist, ist es durchaus üblich, Spielgeräte wie Schaukeln, Wippunterlagen oder Sandkästen aus alten Reifen zu bauen. Es ist hierfür also auch ein Markt bzw. eine Nachfrage vorhanden. Der Winzer hat hier die Abfallhierarchie (§ 6 KrWG) beachtet, indem er die Reifen vorrangig zur Beseitigung, die Sie in Ihrer Email ansprechen, zu einem anderen Zweck eingesetzt und somit verwertet hat. Er ist hierdurch seiner gesetzlichen Abfallerzeuger- bzw. besitzerpflicht, Abfälle vorrangig zu verwerten, nachgekommen. Einen Verstoß gegen das KrWG kann ich hier nicht erkennen.“

Auch hier die E-Mail im Originaltext:

Ablagerung-von-Bauschutt-am-Theilheimer-Altenberg

Anmerkung des Verfassers: KrWG steht für Kreislaufwirtschaftsgesetz – mehr Infos auf der Seite des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit – externer Link.

Jetzt nimmt der Wahnsinn so langsam Fahrt auf. Wen es interessiert – hier geht es weiter …

Die „Große Latifundienwanderung“

Bei unserem Mitgliedertreffen im Mai diesem Jahres, mussten wir feststellen, dass viele Projekte, die in den letzten mehr als 30 Jahren durch unsere Ortsgruppe verwirklicht wurden, dem ein oder anderen Mitglied gar nicht bekannt waren.

Deshalb sind wir am Sonntag, vor dem Theilheimer Weinfest, dem 10. Juli, bei hochsommerlichen Temperaturen zu unserer, zugegebenermaßen mit etwas Augenzwinkern so genannten, ersten, jährlichen, großen Latifundienwanderung aufgebrochen. Zum einen bezeichnet der Begriff Latifundien (externer Link) freizügig ausgelegt, ausgedehnten Großgrundbesitz, was nicht ganz zutreffend ist, da die Ortsgruppe tatsächlich keine eigenen Grundstücke besitzt und dies die erste Wanderung dieser Art war.

Erfreulicherweise fanden sich dann doch 15 Wanderwillige ein. Unter der fachkundigen Führung unserer Gründungsmitglieder Richard Wust, Dr. Bernd M. Schmitt und Fred Stahl, besuchten wir eine ganze Reihe von Schauplätzen unserer vergangenen, aber auch unserer aktuellen Arbeit. Angefangen beim Jakobsbach im Ortsverlauf, über das Wäldchen am ehemaligen Schuttplatz, das Projekt „Biotop und Schilfkläranlage“ an der Autobahnbrücke, die Nussbaumallee, den Kalkmagerrasen am Neuen Berg, die Streuobstwiese und die Trauerweide an der Jakobstalhalle.

Alle Teilnehmer waren sich danach einig, dass dies nicht die „letzte, erste große Latifundienwanderung“ gewesen sein soll.

Alte Liebe rostet nicht

Die Zusammenarbeit zwischen dem BUND Naturschutz und dem Weinbauverein in Theilheim (externer Link), währt nun schon seit mehr als 30 Jahren. Die anfänglich vom BUND Naturschutz veranstaltete Naturwanderung, wurden bald zur gemeinsam organisierten Theilheimer Weinbergswanderung, wie sie noch heute, immer am 1. Mai stattfindet.

Die Weinlage Altenberg, am Theilheimer Neuen Berg, wurde Anfang der 1990er Jahre, auf Bestreben der beiden Vereine, aus der damals um sich greifenden Flurbereinigung ausgenommen, um „eine natürliche Bewirtschaftung“ der kleinparzelligen Weinbergsflächen, „eine Förderung des naturnahen Weinbaus“, sowie die „Bewahrung des Landschaftscharakters dieses besonderen Flurteils“ zu erreichen. Heute ein Glücksfall, für das an touristischen Attraktionen eher arme Theilheim.

Gemeinsam wurde auch die Beschilderung des Wein- und Naturwanderpfades entwickelt und installiert, sowie der ein wenig in Vergessenheit geratene Leitsatz „Natürlich Theilheim“ gefunden.

Nachdem die Zusammenarbeit beider Vereine Ende der 1990er Jahre ein wenig in einen Dornröschenschlaf versunken war, konnte diese im letzten Jahr neu belebt werden. Auf eine Anregung des Winzermeisters und langjährigen Vorsitzenden sowie Mitbegründers des Weinbauvereins, Hermann Deppisch, entwickelten er und Thomas Herpich, Ortsvorsitzender des BN, die Idee der Renaturierung eines Lesesteinriegels im Altenberg. In enger Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde (externer Link), wurde die „Steinrutsche“ am Bildstock im Altenberg, teilweise von der wuchernden Überbuschung befreit.

In einer gemeinsamen Aktion Anfang April, wurden dann unter fachkundiger Anleitung der Landschaftsgärtner Fenna Felske und des ortsansässigen Ralf Kretzer (externer Link), mehr als 50 typische Kalkmagerpflanzen im Steinriegel gepflanzt. Darunter neben der recht bekannten Küchenschelle, auch Thymus serpyllum (Sand Thymian) oder Hieracium aurantiacum (Orangerotes Habichtskraut), Dost und Quendel gepflanzt. Dies sind nicht nur habitat-typische Gewächse, sondern auch als Heilpflanzen und -kräuter bekannt und dienen vielen vom Aussterben bedrohten Insekten und Schmetterlingsarten zur Eiablage und als Nahrungsquelle.

Bild: das Bepflanzungsteam von BUND Naturschutz und Weinbauverein.
In der Mitte, mit Hund Piccola, Hermann Deppisch